Tracht
Tracht

Das war heute meine häufigste Antwort auf die Bemerkung meiner Kollegen, dass ich ein schönes Dirndl anhätte. Nein, das ist kein Dirndl, das ist eine Tracht! In München hat die ultimative Jahreszeit begonnen. Es wird bereits vom Münchner Fasching gesprochen oder der Jahreszeit, wo in der Fußgängerzone die Trachten-Outlets wie Pilze aus dem Boden schießen. Ja, es ist wieder Oktoberfest oder Wiesn, wie der Münchner sagt!

Tracht ist übrigens die traditionelle Kleidung einer Region, eines Standes oder der Angehörigen einzelner Bevölkerungsgruppen oder Berufsgruppen. Das Dirndl oder die Dirn ist hingegen die in der Landwirtschaft beschäftigte Magd. Die von ihr getragene Tracht ist das Dirndlgwand oder Dirndl. Heute ist das Dirndl eher ein städtisches Modephänomen und bezeichnet ein mit engem Oberteil, weitem, hoch an der Taille angesetztem Rock mit unterschiedlicher Länge und Schürze.

Man kann es aber auch wie Harry G ausdrücken:

Stoßkante am Rock
Stoßkante am Rock

Was ich heute getragen habe, war allerdings eine Tracht. Genäht hat diese Tracht vor locker 30 Jahren meine Mutter unter Anleitung meiner damaligen Handarbeitslehrerin, Waltraud Rusch. Ein schwarzer, strukturierter Wollstoff bildet den Rock, der beim Drehen (Tanzen) schön glockig fällt und der mit einer gezackten Stoßkante versehen ist.

Mieder
Mieder

Das Mieder besteht aus mehreren Lagen Stoff und ist mit Mehlbapp (Kleister aus Mehl und Wasser) sowie Peddigrohrstäbchen verstärkt. Es versteht sich von selbst, dass man dies nicht waschen kann. Am Rücken ist ein Haken, in den der Rock eingehängt wird. Vorne wird das Mieder mit einer 4 m langen Silberkette geschnürt. Innen sind nochmals drei Haken mit Kette zum Schließen. Übrigens braucht man zum Schnüren eine zweite Person. Alleine geht das nicht. Einen Reißverschluss sucht man bei einer echten Tracht vergebens. Die Kette wird doppelt geschnürt und der Rest einfach in das Mieder hineingesteckt.

Bluse mit Klöppelspitze
Bluse mit Klöppelspitze

Dazu kommt eine Bluse mit einer ebenfalls von meiner Mutter geklöppelten Spitze sowie eine Schürze aus Wildseide. Die Jahre nicht überdauert hat leider der Unterrock. Nur die Klöppelspitze ist geblieben, eines der ersten Klöppelwerke meiner Mutter. Strümpfe wurden ebenfalls gestrickt. Wie kam das Ganze zustande? Montags war in meiner Schule immer freies Nähen am Nachmittag. Frau Rusch hatte einen Kurs zu einer erneuerten Tracht gemacht und fragte die Mütter, ob sie dazu Lust hätten. Und die hatten! Die Kinder nähten in der Zeit ein einfaches Waschdirndl (meines hat die Jahrzehnte übrigens nicht überlebt). Beim Unterrock musste es eine Klöppelspitze sein und so organisierte Frau Rusch einen Klöppelkurs. Meine Mutter blieb bis heute bei dieser Handarbeit und gibt inzwischen selbst Kurse.

Dieses Schmuckstück an Tracht überstand die Jahre im Schrank, denn irgendwann war meine Mutter „herausgewachsen“. Auch mir passte das gute Stück nicht, aber sie gab es an mich weiter. Nachdem ich allerdings einige Kilo abgenommen habe, machte ich mich gestern ans Sortieren und Probieren. Und siehe da, sie passt mir! Ich habe sie dann heute einfach im Büro getragen. Nein, auf die Wiesn gehe ich damit sicherlich nicht. Ich muss auch zugeben, so wirklich bequem ist so ein steifes Mieder nicht gerade :-).

Zur Wiesn hat sich Harry G noch ein paar Gedanken gemacht, die ich zum Schluss nicht vorenthalten möchte 😉 :

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